Trail-Running und Ultra-Marathon

 

Corsa Bianca

Ponte di Legno bzw. Monno in Italien (Lombardei)

In der Ausschreibung liest sich das ganz entspannt: 

“La Corsa Bianca 80 Km" è una “traversata” invernale di 80 Km di lunghezza e circa 2600 m di dislivello positivo da percorrere in semi-autosufficienza. La partenza della manifestazione è fissata venerdì 09 febbraio 2018 alle ore 21.00 a Monno. Il percorso può essere affrontato a piedi, in bicicletta o con gli sci. E’ prevista una ulteriore categoria dedicata ai mushers Non è possibile cambiare disciplina durante la corsa. Il tempo massimo consentito per terminare la gara è 24 ore.
80 km, 2.600 Höhenmeter, Zeitlimit 24 h, zu Fuß, mit Ski oder mit dem Fahrrad, woanders steht auch noch, dass Hundegespanne mit dürfen...

Gut, es ist Winter, da könnte Schnee liegen, auf über 2.000 m, sogar viel Schnee...

Dann gibt es da ein Höhenprofil:

Das sieht ganz spannend aus, danach könnten es aber auch etwas mehr als 80 km sein. Es gäbe auch noch die Langdistanz mit 170 km. Die ist aber eher was für die Profis. 

Egal, ich mag die Gegend und die Leute kenne ich von meinem mehrfachen Scheitern beim Adamello Ultratrail.

Meine Anmeldung wird akzeptiert. Damit ich mich alleine nicht fürchten muss, überrede ich Edi Hahn und Uwe Herrmann dazu, auch ihren Hut in den Ring zu werfen. 

Wir reisen gemeinsam an und verbringen noch einen entspannten Tag in Ponte di Legno. Dort ist es richtig Winter.

Der Andrang bei der Anmeldung ist überschaubar. Wir haben noch jede Menge Zeit, unsere Rucksäcke mit der mehr als umfangreichen Pflichtausrüstung zu bestücken. Das sind:

Schlafsack bis - 20° Extremtemperatur, Rettungsdecke, gefütterte Jacke mit Kapuze, gefütterte Überhose, Handschuhe und Mütze, Skibrille, 2 Lampen mit Ersatzbatterien, Mobiltelefon, Trinkflaschen, Lawinen-Verschütteten-Suchgerät (LVS), Schneeschaufel, Rettungssonde, Erste-Hilfe-Ausrüstung und Leichtsteigeisen.

Zusammen mit dem persönlichen Kram, meinen Schneeschuhen und Stöcken wiegt mein Rucksack wohl deutlich über 12 kg. 

Kurz nach 20:00 h werden wir am Freitag mit einem Shuttle-Fahrzeug von Ponte di Legno zu unserem Startort in Monno gebracht. Eine bunte Schar von wohl etwas mehr als 100 Startern versammelt sich dort. Die Mehrheit hat Schneeschuhe dabei, einige sind mit Tourenski ausgerüstet und ein paar ganz Verwegene starten mit Fat-Bikes.

Die Musher lassen die Hunde entweder einen Schlitten ziehen, ein paar spannen die Huskies ans Bike oder an den Bauchgurt.

Vor dem Start müssen alle noch eine Funktionskontrolle des LVS-Geräts über sich ergehen lassen. Dann geht es los. Langsam, aber von Anfang an absolut steil, geht es aus dem kleinen Dorf in die Nacht hinein.

Unmittelbar nach den Häusern liegt dick Schnee. Die Wege sind eng und es staut sich. Eine willkommene Gelegenheit für einige Hunderudel, übereinander herzufallen und das Chaos zu vergrößern.

Aber irgendwie löst sich dann doch alles auf und das Feld zieht sich auseinander. Entgegen meiner Erwartung bin ich nicht von Anfang an ganz hinten. Zur ersten Versorgungs- und Kontrollstelle komme ich mit einem recht beruhigenden Puffer auf die dortige Cut-Off-Zeit.

Bis zur Malga Mola sind es 8 km und etwa 700 Höhenmeter. Die dauern mit Schneeschuhen für mich aber ordentliche 2:15 h. Eine kurze Pause, Flaschen mit heißem Wasser auffüllen und schon verschluckt mich die Nacht wieder. Es ist zapfig frisch und der gefrorene Pulverschnee knirscht bei jedem Schritt unter den Schneeschuhen.

Bis zur Baita Guspessa sind es ab jetzt etwa 11 km. Dort ist wieder eine Kontroll- und Versorgungsstation in der Küche eines Privathauses. Absolut eng, aber eben italienisch und sehr familiär.

Bis zur nächsten VP liegen mehr als 20 km vor uns. Cut-Off-Zeit dort ist am Samstag um 07:30 h. Etwa 1/2 h vorher bin ich dort. Die Dämmerung hat kurz vorher eingesetzt und es ist arschkalt.

Auch für die Hunde ist gesorgt. Ein Tierarzt checkt Pfoten und Verfassung.

In den VPs treffe ich immer wieder auf Edi und Uwe. Edi macht sich schon auf den Weiterweg, kurz nachdem ich eintreffe. Er verlässt sich auf meine Aussage, dass es wärmer wird, sobald die Sonne höher steigt. Sorry, Edi, ich wusste auch nicht, dass unser Track fast ausschließlich auf der Schattenseite verlaufen sollte.

Gemeinsam mit Uwe verlasse ich den VP kurz vor der Cut-Off-Zeit. Bis zum Rifugio Lago Mortirolo warten wieder fast 20 km auf uns. Keine längeren Anstiege, allerdings zehren auch nur kurze Auf und Abs an den Kräften. Das Gehen mit den Schneeschuhen wird zunehmend mühsamer. Ohne geht es aber noch schlechter. So nähern wir uns nur ganz langsam dem Rifugio, das gefühlt einfach nicht näher kommen will.

Immerhin meint es das Wetter gut mit uns. Allerdings hat es auch in der Sonne weiterhin deutliche Minusgrade.

Wir können ganz schlecht abschätzen, ob wir das Rifugio noch vor der dortigen Cut-Off-Zeit um 13:00 h erreichen werden und beginnen erstmals an einem Finish zu zweifeln.

Irgendwann sind wir dann doch dort und haben sogar noch 1/2 Stunde Puffer. Trotzdem ist die Luft raus. Ich befürchte, dass ich die noch vor uns liegenden etwa 30 km nicht mehr verkrafte, zumal sich meine Lunge zunehmend schwer tut, der kalten Luft noch genug Sauerstoff abzugewinnen.

Wir schicken Edi, der im Rifugio gerade sein Bierchen austrinkt, als wir kommen, auf den Weiterweg und beschließen erstmal sitzen zu bleiben. Pünktlich um 13:00 h kommt die Aufforderung, die Hütte zu verlassen. Ich bestelle mir aber lieber ein Bier und werde als anschließend "Ritirato" geführt. Uwe verweigert zwar das Bier, schließt sich aber ansonsten an.

Die Erwartung, dass wir jetzt nur in irgendein Fahrzeug steigen müssten und nach Ponte di Legno gebracht würden, stellt sich schnell als Trugschluss heraus. Wir haben gesunde Füße und dürfen den Abstieg ins Tal aus eigener Kraft bewerkstelligen. So geht es runde 700 hm hinunter in die Nähe von Monno, wo wir zusammen mit 2 Italienern dann aufgelesen werden.

So kommen dann doch insgesamt etwa 62 km zusammen, die mit 2.300 hm bergauf und 2.150 hm bergab gewürzt waren.

Edi bringt den Lauf souverän eine gute halbe Stunde vor Zielschluss zu Ende. Uwe und ich können ihn da schon frisch geduscht in Empfang nehmen und ihm sein Finisher-Bier bringen.