Trail-Running und Ultra-Marathon

Donnerstag 16.09.2010, Freitag 17.09.2010
Sektor 6
von Valtournenche nach Ollomont
- Nächtliche Visionen  / Nothing can kill us -

Ab hier beginnt für mich Neuland. Beim PTL 2009 bin ich nach 240 km im Ziel eingelaufen. Jetzt liegen 236 km hinter, aber auch noch 94 km vor mir. Ca. 6.300 hm im Aufstieg und etwa 6.650 hm im Abstieg wollen noch bewältigt werden. Das entspricht etwa dem Grand Raid du Mercantour. Dafür habe ich in 2008 ca. 25 h gebraucht. Jetzt habe ich noch einen Zeitpuffer von gut 46 Stunden. Meine Zuversicht, den TdG innerhalb des Zeitlimits zu beenden,  steigt.

Ich beginne den Anstieg zum Rifugio Barmasse (2.175) am Cignana Stausee. Wellig und gut laufbar geht es danach zum Fenêtre d´Ersaz (2.293 m), das ich mit Einbruch der Dunkelheit erreiche. 

Der Weg führt über die Alpeggio Grand Raye in ständigem
Auf und Ab zum ...

...und weiter ...

...zum Rifugio Cuney (2.652 m). 

Freundliche Helfer im Rifugio Cuney

Kurz nachdem ich das Rifugio verlassen habe, merke ich, wie unsicher ich auf den Beinen bin. Immer wieder muss ich mit den Stöcken einen drohenden Sturz abfangen. Ich glaube an einen Hungerast und beginne mich mit Traubenzucker und Riegeln vollzustopfen. Trotz einer kleinen Sitzpause bessert sich mein Zustand nicht wirklich. Ich taumele mehr als dass ich laufe. Zurück zum Rifugio ist es meiner Meinung nach genauso weit wie bis zum Bivacco Clermont. Vorwärts ist besser als zurück. Ich mache 10 Schritte, zähle bis 10 und mache wieder 10 Schritte. Langsam steigere ich die Frequenz auf 15/15 und dann auf 20/20.

Dann stolpere ich über ein herrenloses Damenbein, das quer über der Pfadspur liegt, ein Fenster öffnet sich, und eine italienische Mama überschüttet mich mit einem unverständlichen Wortschwall. Es ist wohl besser, die Frequenz wieder auf 10/10 zurückzunehmen.

Unendlich langsam bewältige ich den Anstieg zum Bivacco Clermont. Dort lasse ich mich auf eine Matratze fallen und schlafe sofort ein. Es dämmert bereits, als ich wieder zu mir komme. Es gibt starken Kaffee und Brot. Langsam erwachen meine Lebensgeister wieder. Ich muss weiter. Erst mal bis nach Closé, dem nächsten Kontrollpunkt im Tal. 

Bivacco Clermont (2.700 m) 

Aufbruch zum Col de Vessonaz 

Während des Aufstiegs, den ich langsam angehe, finde ich langsam wieder einen Rhythmus. Den Col erreiche ich ohne größere Probleme.

Mika Penttila (Finnland) am Col de Vessonaz

Alpeggio Arp Vielle (1.944 m) 

 Blick zurück zum Col de Vessonaz

Bergab - Trail Runners Paradise 

Verpflegungsstelle in Closé (1.456 m)

In einer ehemaligen Garage befindet sich die nächste Verpflegungsstelle. Ich stärke mich ausgiebig und mache mich an den nächsten Anstieg. 

Blick zurück nach Closé

Anfänglich komme ich gut voran, Elan verspüre ich allerdings nicht. Nach etwas über einer Stunde sitze ich am Wegrand und lasse einige andere Läufer an mir vorbeiziehen. Fast jeder versucht mich zu motivieren, ich habe allerdings den absoluten Durchhänger.

Die Rettung naht in Person von Roberta Peron, die ich nahezu bei jedem Lauf in Italien treffe. Sie bringt es auf den Punkt, als sie mich anspornt:

"If we reach Ollomont, nothing can kill us, Gerhard!"

Grazie mille, Roberta!

Ich glaube ihr. Ollomont ist das nächste und letzte Base vita. Der Anstieg führt über die Alpe Brison l´Arp zum Col Brison. Der Col ist schneller erreicht als noch vor kurzem gedacht.

Jean-Claude Marmier, der Race Director des PTL,
und Mme. Marmier am Col Brison 

Abstieg nach Ollomont

Am Freitag gegen 15:45 h erreiche ich das Base vita in Ollomont. Cut-Off-Zeit dort ist um 19:00 h. Ausreichend Zeit für eine Dusche, Umziehen und eine warme Mahlzeit.

Um 17:57 h checke ich aus. Der letzte Sektor 7 kann beginnen.