Trail-Running und Ultra-Marathon

Vergiu - Grotelle

Die Nacht verschluckt mich. Nur gelegentlich ist das Knistern eines Baums oder der Ruf eines Vogels zu hören. Das Läuferfeld ist weit auseinander gezogen. Erst als der Weg eine weiten Bogen beschreibt, sehe ich weit vor und über mir den Lichtschein einer Stirnlampe.

Der Aufstieg fällt mir leicht. In flottem Tempo marschiere ich bergauf. Bald ist die Baumgrenze erreicht und der Track, der schon geraume Zeit auf dem Wanderweg GR 20 verläuft, führt leicht bergab in Richtung Lac di Ninu. Der ist bald erreicht. Die Luft ist in der Nähe des Bergsees empfindlich frisch. Zwei Helfer verbringen dort neben einem kleinen Feuer die Nacht und weisen den Weg.

Die Strecke des UTC ist ab hier wieder mit der des Restonica Trails identisch. Als ich vor 4 Jahren hier gelaufen bin, war es heller Tag und richtig heiß. In der Dunkelheit erwarte ich vermeintlich bekannte Stellen viel zu früh. Dementsprechend lange zieht sich die Zeit, bis ich die Versorgung am Refuge de Manganu (km 79) erreiche.

Das Refuge ist eine Selbstversorgerhütte und im Innern vollständig von Wanderern besetzt. Die Helfer haben die Versorgung im Freien aufgebaut. Ein Bach fließt unmittelbar vorbei und es ist empfindlich kalt. Ich fülle die Trinkblase, esse etwas Ziegenkäse und Brot und laufe fröstelnd weiter. Der Käse macht geschmacklich seiner Heimat alle Ehre. Bei jedem Mal Luft holen inhaliere ich eine ganze Ziegenherde. 

Nächstes Ziel ist die ca. 650 Meter höher liegende Bocca alle Porta, der Übergang in das Restonica Tal. Die Trasse verläuft über Blockgelände, die Markierungen sind nicht immer leicht zu finden, Schmelzwasser verschafft mir nasse Füße. 

Schon lange kann ich hoch über mir Scheinwerferlicht erkennen. Helfer sitzen auf der Bocca alle Porta und leuchten das letzte Stück des Wegs aus. Zunächst geht es aber auf ein im Verlauf sehr steil werdendes Schneefeld. Hier bin ich mehr als froh, mich gegen meine neuen HOKAS entschieden zu haben und statt dessen die bewährten La Sportiva Raptor mit dem richtigen Grip an den Füßen zu haben. 

So sieht es an der Bocca alle Porta am Tag aus (Bild von der Website des Veranstalters). Nun beginnt ein technisch wirklich anspruchsvoller Abstieg. Zunächst quert der Weg mit Hilfe eines Fixseils am oberen Rand eines steilen Schneefeld nach Süden. Nach einigen 100 Metern erklärt ein weiterer Helfer den Gebrauch der folgenden Seilversicherungen. Gute 100 Höhenmeter geht es fast senkrecht über Schneefelder und Felsen nach unten. Im Licht der Stirnlampe für viele eine Herausforderung. Obwohl sich das Feld weit auseinander gezogen hatte, kommt es hier zu einem kleinen Stau. 

Der Abstiegsweg lässt sich im ersten
schwachen Morgenlicht nur erahnen. 

Die Bocca alle Porta ist der tiefste Punkt der Bergkette in der Bildmitte. Der kleine Lichtpunkt darunter ist die Stirnlampe eines Läufers. Abschnitte wie diesen wird man bei einem Trail wohl nur in Frankreich oder Italien finden können. Definitiv nichts für ängstliche Naturen. 

Wenig später erreiche ich den Lac di Capitellu, eine der absolut sehenswerten Naturschönheiten Korsikas. 

Morgenstimmung oberhalb des Lac di Melu
mit Blick ins Restonica Tal 

Lac di Melu

Bald erreiche ich die Bergerie de Grotelle (km 86). Dort hat es eine weitere Versorgungsstelle. Ich halte mich allerdings nicht lange auf, will ich doch den bevorstehenden letzten Anstieg möglichst hinter mich bringen, bevor es wieder richtig warm wird. 

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